Die Natur sollte unser Lehrmeister sein

Es war im Frühjahr 2001, als meine Mutter Kontakt zu Gregor Scherer aufnahm. Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt schon eine ganze Weile auf der Suche nach einem geeigneten Projekt oder einer Schule, Grund dafür war der andauernde, sich immer mehr zuspitzende Konflikt zwischen meiner Mutter, deren Lebenspartner und mir, als auch meine innere Auseinandersetzung, speziell in Bezug auf meine Diabetes. Schon durch verschiedenste Lösungsmöglichkeiten hatten wir versucht den Problemen Abhilfe zu schaffen, ohne der Problematik wirklich näher zu kommen. Da wir kaum mehr mit positiven Empfindungen auf den anderen zu gehen konnten, ergab sich auch keine Entwicklungsmöglichkeit mehr. Aus dieser, für keinen der Beteiligten länger aushaltbaren Situation heraus, entschieden wir uns dafür, dass ich eine Zeit lang an einem anderen Ort verbringen sollte und suchten intensivst nach einer entsprechenden Möglichkeit.

Nicht lange, nachdem sich meine Mutter an Gregor gewendet hatte, da schickte uns dieser auch schon den Jahresbericht des Centres zu. Ich las die Schülerberichte voller Begeisterung und hätte, wäre da nicht die ernüchternde Höhe des Schulgeldes gewesen, sofort zugesagt.


Die Natur sollte unser Lehrmeister sein

Ich richtete mein Augenmerk also vorerst wieder auf die anderen, sich mir bietenden Möglichkeiten. Diese schrumpften jedoch tagtäglich, aus finanziellen, versicherungstechnischen (wegen Diabetes) Gründen, oder aber, weil meine Mutter und ich uns nicht trafen, bei unserer Entscheidung.

Schliesslich war es dann doch das Centre, welches übrig blieb und nach Ueberwindung der finanziellen Hürden (durch Entgegenkommen des Centre), wurde der Weg frei, ein Jahr in Südfrankreich zu verbringen.

Das Centre liegt eingebettet in einem kleinen, abseits gelegenen Flusstal, umgeben von Bergen, die durch urzeitliche Wasser geformt wurden, deren Hänge nun mit Pinien, Kiefern, Eichen und Olivenhainen bewachsen sind und über welche sich unzählige Weinfelder erstrecken. Ich kenne diese Landschaft gut, denn ich bin oft mit unseren drei Ziegen in die Carrigue hinausgezogen. Die einsamen Stunden dort draussen, habe ich sehr genossen, denn die Natur war mir immer tragende Kraft, wie weisheitsvolle Lehrer, welche die Bedingung des Vertrauens stellte. Nicht selten fragte ich mich, warum die Natur hier nicht als Lehrer genutzt wird und wir statt dessen abstrakte Algebra im Klassenzimmer lernten. Dies lag wohl auch daran, dass ich mich lange Zeit gegen die Notwendigkeit der Schule wehrte, hierbei ganz besonders gegen die Fächer, welche an Formen und Gesetzte gebunden sind, zu denen ich keinen Zugang zu haben glaubte. Besonders schwer viel es mir bei der Mathematik. Mit Händen und Füssen wehrte ich mich gegen sie, betrachtete sie immer als lebensferne, abstrakte Philosophie, wertete ab und suchte sie - zudem ich immer wieder ihre Unwesentlichkeit betonte - zu entkräften. Ich focht einen richtigen Kampf mit ihr aus. Oft bin ich mitten in einer Algebraprüfung hinausgelaufen, weil ich glaubte nicht mehr zu können. Ich verkrampfte mich innerlich und hielt umso stärker an meinen Vorstellungen fest. Aber immer wieder überwand ich mich und liess mich ein auf die Mathematik, was gut war. So durchkämpfte ich die Problematik so lange, bis mein innerer Widerstand sich legte. Die Fächer/Epochen, welchen ich wirklich wissbegierig beiwohnte, dass waren Astrologie, Astronomie, Embryologie und die Kunstgeschichte. Ich empfand es als unglaublich wertvoll, dass diese Fächer nicht nur aus wissenschaftlicher, materialistischer Sicht betrachtet wurden. Ihr Inhalt bezog sich zwar auch auf diese, vor allem aber auf esoterische, spirituelle Perspektiven, welche mindestens genauso wesentlich sind.

Neben diesen, an geistigem Nährstoff gehaltvollen Epochen, gab es auch noch jeden Dienstag den Philosophieabend, wo mit Gregor, einigen Praktikanten und mir philosophische Fragen diskutiert wurden. Das "Zusammentreffen" verschiedener Gedanken, gab mir nicht nur die Möglichkeit verschiedene Sichtweisen einzunehmen, sondern war oft Anstoss neue Gedanken in mir zu erwecken und zu bewegen, welche den Dienstagabend noch lange überlebten.

Manchmal hätte ich gerne mit mehr gemeinsamer Ernsthaftigkeit an der geistigen Entwicklung gearbeitet und dies nicht nur im denkerischen, sondern auch im ganz alltäglichen Sinne. Ich hätte mir zum Beispiel gewünscht, dass in einer Institution, wie dieser, die Qualität der Nahrung eine bessere gewesen wäre. Der Inhalt der Nahrung findet sich schliesslich in dem, was wir im Geiste schaffen, wieder. Ist in der Nahrung jedoch schlechter Inhalt enthalten, so beschneiden oder schaden wir uns in unserer geistigen Schaffensmöglichkeit. Man hätte den ständigen Ueberfluss an Nahrung vielleicht durch weniger Lebensmittel, jedoch von Qualität ersetzen können.

Neben dem in der Schule gepflegten denkerischen Teil, beinhaltete der Schultag noch die nachmittägliche künstlerische bzw. praktische Arbeit. Aufgeteilt in zwei Gruppen wechselten wir uns bei diesen Arbeiten ab. Zu Beginn des Schuljahres ging ich nur widerwillig in die Plastizierstunde, was jedoch schnell überwunden war und ich es als schön empfand die seelische Auseinandersetzung in die Form zu geben. Eine seelische Empfindung, ein seelisches Erleben bis ins letzte zu durchdringen und ihr eine physische Form zu geben, braucht jedoch Mut und Vertrauen, besonders auf Strecken, wo man hilflos der Materie überlassen ist. Mir war es oft schwer, diese Zeiten zu durchstehen und mich nicht in Gedanken des "Nichtskönnens" und des "Selbstzweifels" zu versteifen. Hatte die andere Gruppe künstlerischen Unterricht, so hatten wir dann praktische Arbeit. Auch diese war für mich sehr bereichernd, denn sie beanspruchte gerade die Fähigkeiten, die mir Mühe machten. Ich war weder diszipliniert, noch verlässlich und auch Verantwortung übernahm ich nur ungern. Ich konnte diese Eigenschaften also schulen und lernte gleichzeitig die alltäglichsten, praktischen Fähigkeiten, wie: Autoreifen wechseln, Bäume schneiden, Gärtnern, Kochen, Fahrradreifen flicken usw. Ein gewöhnlicher Centre Tag war immer gefüllt mit einem sich äusserlich wiederholendem Programm, welches in festem Rhythmus durchlaufen wurde. Mir, die ich schon lange keinen Rhythmus mehr pflegte, gab gerade dieser Rhythmus Kraft und setzte meiner Haltlosigkeit etwas entgegen. Ich spürte jedoch auch, gerade jetzt gegen Ende des Jahres, wie mir dessen Festigkeit, ein Stück weit die Freiheit genommen hatte. Es fehlte mir die Freiheit, meine Zeit selber zu gestalten. Selbständige Arbeit wäre, gerade am Ende sehr wertvoll gewesen.

Was schön war, das waren die vielen Ausflüge und Reisen, die das feste Alltagsprogramm immer wieder durchbrachen. Immer wieder machten wir Fahrten ans Meer, Reitausflüge, besuchten Konzerte, fuhren nach Spanien und bestiegen auch den Canogou. Auch besichtigten wir die umliegenden Katharerburgen. Als Reise- und Jahreshöhepunkt war da natürlich die Marokkoreise. Ein letzter Prüfstein für die Gruppe. Es war immer sehr schwer etwas Gemeinsames zu schaffen, oder überhaupt erstmals zueinander zu finden. Die Interessen gingen meist weit auseinander. Man schien sich nie treffen zu können. Der ermüdende Widerwille, gegen die Interessen der Anderen, oder die immer wieder deutlich zum Ausdruck gebrachten Abneigungen, erschwerte das ganze noch nochmals. Auf einer Reise, wie die nach Marokko, muss solches natürlich zum Verhängnis führen. Die Reise erforderte den Zusammenhalt der Gruppe. Wir mussten uns also zusammenraufen und uns gegenseitig tragen und verstehen können.

Wie gut waren diese Prüfungen und das Durchdringen zu diesem Punkt, denn letztlich hat es uns nur gefestigt, uns selbst und einander näher gebracht. Ich möchte der Gruppe an dieser Stelle danken. Ihr alle seid mir immer konkret und ehrlich gegenüber getreten und habt mich als Gruppe oft durchgezogen. Ich danke allen, durch deren Liebe mir die Freiheit zu solch einer Entwicklung gegeben wurde, die mich durch dieses Jahr hindurch getragen haben.

Marie