Ich war «abgestempelt» als schwarzes Schaf

Im vergangenen Sommer bekam ich die Möglichkeit, hier im sonnigen Süden von Frankreich, im Centre de Formation, von der ganzheitlichen Bildung zu profitieren. Und so führte mich mein Schicksal hierher:

Ich besuchte vorher neun Jahre lang die Rudolf-Steiner-Schule Birseck in Aesch. Am Ende des neunten Schuljahres wurde mir mitgeteilt, dass ich mir für das zehnte Schuljahr eine neue Schule suchen müsse, da ich sehr wenig Disziplin an den Tag legte und von vielen sowieso schon als schwarzes Schaf «abgestempelt» war. Da bald Sommerferien waren, mussten wir uns, meine Eltern und ich, sehr beeilen mit der Suche nach einer neuen Schule.

Es kamen sehr viele Absagen, doch dank der liebevollen Mithilfe meiner Eltern konnte dann doch noch etwas gefunden werden: das Centre de Formation.

Mich reizte vor allem der Aspekt, dass das Internat in Südfrankreich lag und dort die französische Sprache als Kommunikationsmittel gebraucht wird. Ich wusste aber gar nicht, auf was ich mich da einließ und was mich dort erwartete.

Es gefiel mir aber von Anfang an sehr gut. Ich konnte mich sogar wieder für den schulischen Unterricht begeistern lassen. Leider bewegte ich mich in den ersten Wochen etwas zu frei, legte einige Disziplinlosigkeiten hin und so kam es, dass ich beinahe schon viel früher als mir lieb war, Abschied nehmen musste vom Centre. Doch dank Gregor Scherer und Henner Kurth, die viel Verständnis für mich zeigten und mir nochmals eine Chance gaben, durfte ich erneut versuchen, sicheren Boden unter den Füssen zu bekommen. Das klappte, denke ich, von da an immer besser. Ich lernte sehr viel sowohl schulisch wie auch im Umgang mit meinen Mitmenschen. Das «Gemeinsam in eine Richtung gehen», zusammen mit der sozialen Gemeinschaft, wurde mir selber immer mehr zum Anliegen.

Was mir natürlich sehr gefiel, waren die vielen Exkursionen zu den Katarerburgen, über deren Religion und Lebensweise wir auch einiges erfuhren. Dann fuhren wir oft ans Meer, nach Spanien und Andorra. Der absolute Höhepunkt war jedoch sicher unsere Marokko-Andalusien-Reise, auf der wir in drei Wochen eine für uns völlig neue und fremde Kultur kennen lernten.

Ich fand es eine nicht immer, aber doch meistens sehr gemütliche Atmosphäre, die herrschte, da man die Gruppe und die Liegenschaft schon einigermaßen überblicken kann. Gregor und Henner waren immer sehr offen zu uns und standen uns oft mit einem väterlichen Rat zur Seite. Ich fand im Laufe des vergangenen Jahres immer besser den Weg zu meiner eigenen Persönlichkeit. Ich lernte Seiten an mir kennen, die sich bisher noch verborgen gehalten hatten.

Zu einer gewissen innerlichen Reife trug mit Sicherheit auch der Plastizierunterricht bei Henner bei. Während der praktischen Arbeit lernte man sich selbst zu überwinden, über seinen eigenen Schatten zu springen, besonders dann, wenn man das Los einer anstrengenden, «blöden» Arbeit gezogen hatte. Manchmal musste man dann auch einsehen, dass die eigenen Grenzen doch sehr eng gesteckt sind. Wir lernten aber sehr viele verschiedene Arbeiten kennen, sei dies im Garten oder beim Renovieren der Liegenschaft. Von Zeit zu Zeit konnte man sogar mal den drei Arbeitern zur Hand gehen.

Kurz zusammengefasst: Ich durfte hier mein mit Abstand schönstes Schuljahr erleben, auch wenn man manchmal starke Nerven brauchte.

Ich bin all denjenigen, die mir den Aufenthalt hier ermöglicht und verschönert haben, sehr fest dankbar! Allen voran Gregor und Henner, die mir immer halfen, in schwierigen Situationen neue Hoffnung gaben und mich auch bei der Suche nach einer weiterführenden Schule tatkräftig unterstützten. Wir fanden auch eine. Nach den Sommerferien werde ich die Handelsmittelschule (HMS) in Reinach besuchen.

Auch meinen Eltern möchte ich herzlichst danken für ihre intensivsten Bemühungen, meine Zukunft zu planen, ihre innige Zuwendung und moralische Unterstützung. Und nicht zuletzt bin ich auch meinen Großeltern zu großem Dank verpflichtet da sie die finanzielle Gewährleistung des Aufenthaltes vollbrachten. Vielen Dank an alle!

Ich würde jedem jungen Menschen von heute empfehlen, hier im Centre de Formation ein Schuljahr und damit eine wahre Lebensschule zu erleben!

Alois